Entgeistert starre ich auf die Tabletten, die sie nimmt: zwei Stück, jeden Abend, längliche Kapseln, eine hellbraun, die andere, ich meine nicht richtig zu sehen, schwarzgelb wie eine aggressive Wespe gefärbt.
Ob das gesund sein kann?
Argwöhnisch nehme ich die Packungen zur Hand, lese: Kumsan Ginseng (das sind die Wespenpillen), Kapseln gefüllt mit Ginsengwurzelpulver, hilfreich gegen Müdigkeits- und Schwächegefühl, bei nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Ein goldener Drache schwingt sich vor grünem Hintergrund. Ich erfahre, dass Kumsan Ginseng nicht gleich Ginseng ist – es ist etwas anderes, etwas Besonderes, etwas, dass man seltener bekommt. Daher wohl auch die Lieferengpässe.
Die andere Packung, die mit den hellbraunen Kapseln, verrät Propolis als ihren Inhalt. Zur Stärkung der Abwehrkräfte. Hochdosiert, nur 1 Kapsel täglich.
Ich fühle mich seltsam, lasse mir von ihr erklären, dass das nur „Gelatine“ ist, dass sich die Kapseln im Magen auflösen und die Wirkstoffe freigeben. Man muss viel trinken, wenn man sie einnimmt. Sie hat zu Leber- und Gallentee gegriffen, „das wird für diese Kur empfohlen“. Aha. Eine Kur also? Habe ich etwas verpasst, während ich weg war? Und: war ich so lange abwesend, dass hier alle verrückt werden?
Zu meiner Beruhigung muss ich gestehen: sie wirft nichts chemisches ein. Nichts von diesen künstlichen Wirkstoffen, die diese Welt im Übermaß produziert. Doch auch sie ist ein Kind dieser künstlichen Welt: die Pillen und der Tee sind eine Kur gegen Heuschnupfen, die Pollenallergie, die sie alljährlich im schönen Frühsommer quält, wenn die Blumen im Wind nicken.
„Es sind die Gräser“, sagt sie, „ich muss ständig niesen, bekomme knallrote Augen, der Gaumen juckt – der GAUMEN juckt, stell dir das vor, Ashreel! Es ist ekelhaft, man kommt nicht richtig dran, und die Zunge ist ganz wundgescheuert, so sehr versucht man, dieses Jucken zu beenden…“ Beruhigend tätschle ich ihre Schulter, während sie weiter schimpft und traurig darüber ist, dass sie den Sommer nie richtig genießen kann. „Ständig habe ich Angst, einen „Anfall“ zu bekommen. Diese Kur probiere ich jetzt zum ersten Mal aus, drei Monate lang jeden Tag je eine der Kapseln schlucken, dazu den Tee schlürfen, am besten eigentlich den ganzen Tag lang.“
Wenn es den Heuschnupfen tatsächlich lindert, so soll es ihr und mir wert sein. Mir persönlich jedoch ist diese Allergie fremd. Vielleicht wachsen die Kinder dieser Welt zu behütet auf, sie werden vielleicht ein wenig zu sehr von Mutter Natur ferngehalten, aus Angst, sie könnten sich Krankheiten einfangen. Doch gerade das „Wühlen im Dreck“, das tägliche Draußen-Spielen, das ist es, was „abhärtet“, was Allergien vorbeugt und das Immunsystem stärkt.
Nun also kämpft sie mit natürlichen Mitteln gegen eine unnatürliche Krankheit. Wenn das mal kein Vorbild ist. Ich bin ein klein bisschen stolz auf sie und denke mir, dass noch nicht alles verloren ist, dass viele Menschen ihre Wurzeln noch nicht ganz vergessen haben. Viel Glück wünsche ich ihr, und das von ganzen Herzen!

Herbstlied
Schwarzer Holunder – er trägt hier viele Namen: Flieder, Holler, Holder, Elder, Alhorn, Kelkenbusch.
Der Sahne-Eisberg vom Snæfellsjökull






